Bund streicht fehlbaren Sportverbänden das Fördergeld

Die Regierung gibt jedes Jahr Millionen für die Sportförderung aus. Kommt es in Verbänden zu Gewalt oder Ausbeutung, hat das künftig Folgen.

Der jüngste Skandal bei Sportverbänden spielt sich in der Szene der Synchronschwimmerinnen ab: Das Schweizer Team an der Weltmeisterschaft in Budapest am 23. Juni.

Einschüchterungen, Drohungen, Missbräuche. Schon wieder steht ein Schweizer Sportverband in der Kritik. «Ich habe das Gefühl, in dieser Welt bist du kein Mensch», sagt die 23-jährige Athletin Joelle Peschl. Das Synchronschwimmen sei von einem Klima der Angst und von Vetternwirtschaft zerfressen, betont sie gegenüber SRF-«Investigativ». Aufgrund dieser Recherche hat die Ko-Sportdirektion von Artistic Swimming diesen Montag ihren Rücktritt bekannt gegeben.

Es scheine, als sei Geld die einzige Sprache, die gewisse Verbände verstehen würden, sagte Sportministerin Viola Amherd bereits im Herbst 2020, als ähnliche Missbrauchsfälle im Turnverband aufflogen – bekannt geworden als Magglingen-Protokolle. Bei der finanziellen Unterstützung hat sie nun den Hebel angesetzt und will den Verbänden das Geld kürzen, wenn sie sich nicht an gewisse Regeln halten.

Immerhin ist der Bund mit rund 38 Millionen Franken neben der Sport-Toto-Gesellschaft der wichtigste Geldgeber von Swiss Olympic, dem Dachverband für den privatrechtlich organisierten Schweizer Sport mit 104 Mitgliedern, denen rund zwei Millionen Sporttreibende in rund 19’500 Vereinen angehören. Swiss Olympic leitet dann das eingenommene Geld an die einzelnen Sportverbände weiter. So wird Artistic Swimming dieses Jahr mit rund 170’000 Franken subventioniert.

Von Demütigungen bis hin zu Belästigungen

Geld, das diesem Verband laut einer neuen Verordnung wohl gekürzt worden wäre. Wollen Sportverbände ab 2023 Finanzhilfen des Bundes beanspruchen, müssen sie etliche Verhaltenspflichten erfüllen. Dies hat der Bundesrat in der Sportförderungsverordnung geregelt, deren Vernehmlassung im Juni zu Ende ging.

Dabei handelt es sich um den Schutz beispielsweise vor Gewalt, Ausbeutung und sexuellem Missbrauch und Diskriminierung. Aber auch andere psychische Persönlichkeitsverletzungen wie Drohung, Demütigung, Belästigung oder Mobbing werden aufgeführt. Zudem müssen die Verbände transparent sein in Finanzfragen und darlegen können, wie sie mit Interessenkonflikten umgehen. Die ebenfalls vorgesehene Meldestelle Swiss Sport Integrity hat ihre Arbeit bereits Anfang Jahr aufgenommen und wurde seitdem mit etlichen Hinweisen eingedeckt.

«Wir sind überzeugt, dass die Verordnungs­anpassungen den bereits laufenden Kulturwandel unterstützen werden.»Jürg Stahl, Präsident von Swiss Olympic


Was sagen die betroffenen Sportverbände dazu? Sie reagieren überraschend positiv. Die allermeisten begrüssen insbesondere, dass Sanktionen verhängt werden können, wenn ethische Grundsätze und eine gute Vereinsführung nicht eingehalten werden. Auch die Meldestelle wird explizit begrüsst. «Wir sind überzeugt, dass die Verordnungsanpassungen den bereits laufenden Kulturwandel unterstützen und untermauern werden», betont Swiss-Olympic-Präsident Jürg Stahl.

Es sei wichtig, dass Hinweise wie etwa auf die Vorgänge bei Swiss Artistic Swimming an die Meldestelle herangetragen würden. Die von SRF beschriebenen Vorkommnisse, von denen man keine Kenntnis gehabt habe, bedauere man sehr.

Trainerinnen und Trainer reagieren empört

Am kritischsten äussert sich der Berufsverband Trainer Spitzen- und Leistungssport Schweiz, Swiss Coach. Dessen Vizepräsident Hansruedi Walser, selber während über 20 Jahren Ausbildungschef eines Sportverbandes, stört sich am Tonfall der Verordnung: «So macht man den Trainerberuf kaputt.» Es könne doch nicht sein, dass Sporttrainerinnen und Sporttrainer quasi mit einem Bein im Gefängnis stünden. Denn die meisten würden hervorragende Arbeit leisten, und nur wegen einzelner schwarzer Schafe könne man nicht den ganzen Berufsstand unter Generalverdacht stellen.

Der Vernehmlassungsantwort von Swiss Coach ist denn auch zu entnehmen, dass die Notwendigkeit der Sportförderungsverordnung generell angezweifelt wird: «Es stellt sich die Frage, ob der Regelungsgegenstand der neuen Bestimmungen überhaupt auf Verordnungsstufe durch den Staat geregelt werden muss und soll.» Einfacher, flexibler und verträglicher wären doch Selbstregulierungen auf Stufe von Swiss Olympic und anderen Dachverbänden. 

Dass aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Ausbildung auch in der Schweiz Trainerinnen und Trainer – insbesondere in kompositorischen Sportarten wie etwa Synchronschwimmen – mit unterschiedlichen Vorstellungen im Bereich Respekt und Umgangsformen tätig sind, bestreitet Walser nicht – da liege eine der Hauptaufgaben des Berufsverbandes.

Das Bundesamt für Sport (Baspo) wird dafür besorgt sein, dass die neuen Vorgaben auch eingehalten werden. «Das kann je nach Schwere von einer Mahnung bis hin zu Subventionskürzungen gehen», präzisiert Kommunikationschef Christoph Lauener. Wie die Einhaltung der Grundsätze kontrolliert werden wird, kann er allerdings noch nicht im Detail sagen. Teil des Controllingsystems werde sicher ein Reporting von Swiss Olympic sein. Und Lauener versichert, dass das Baspo nicht nur den Hinweisen der Meldestelle nachgehen werde, sondern auch Informationen von Privaten oder den Medien.

Quelle: Tagesanzeiger.ch