Zunehmende Hitze im Sommer entfacht Debatte über früheren Feierabend

Heisse Tage machen vielen Menschen bei der Arbeit zu schaffen. Zur Diskussion stehen kürzere Arbeitszeiten mit mehr Pausen in der Sommersaison.  

Darum gehts

  • Einen deutlich zu warmen und zu trockenen Sommer prognostizieren die Modelle des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen.
  • «An besonders heissen Tagen sollten Mitarbeitende mehr Pausen und früher Feierabend machen können», fordert Grünen-Nationalrätin und Gewerkschafterin Katharina Prelicz-Huber.
  • FDP-Nationalrat Beat Walti sieht darin eine Chance für die Einführung einer Teilflexibilisierung des Arbeitsgesetzes.

Bereits vor Sommeranfang schwitzen die Menschen in der Schweiz wie im Hochsommer. Am Freitag kletterte das Thermometer verbreitet auf über 30 Grad. Die Rekordtemperaturen könnten ein Vorgeschmack auf den kommenden Sommer sein: Einen deutlich zu warmen und zu trockenen Sommer prognostizieren die Modelle des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen (EZMWF). Die Hitze stellt auch die Arbeitswelt auf den Kopf.

«An besonders heissen Tagen sollten Mitarbeitende mehr Pausen und früher Feierabend machen können», fordert Katharina Prelicz-Huber, Präsidentin des Schweizerischen Verbands des Personals öffentlicher Dienste (VPOD). Mit den immer heisseren Sommern seien neue Arbeitsstrukturen nötig. «Sonst gefährden wir die Gesundheit vieler Arbeitstätigen.»

«Ertragen Schwere der Hitze nicht gut»

Die Grünen-Nationalrätin denkt nicht nur an Mitarbeitende, die im Freien arbeiten, sondern zum Beispiel auch an Bürojobs, das Spital und die Gastronomie. «Viele Menschen sind schlapp oder können teilweise nicht mehr richtig atmen, weil sie die Schwere der Hitze nicht gut ertragen.» Weniger Leistung im Sommer habe keine wirtschaftlichen Verluste zur Folge. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber verlangten von den Mitarbeitenden trotz Automatisierung gleich viel oder noch mehr Leistung. «So könnten Arbeitgeber den Angestellten endlich die Zeit retour geben, die sie durch die Automatisierung längst verdient haben.»

Die Gewerkschaft Unia schliesst sich der Forderung nach Hitze-Arbeitszeiten an. Für die Baubetriebe brauche es klare Regelungen für Hitzetage, sagt Unia-Mediensprecher Christian Capacoel. Und diese sollten einfach umsetzbar sein. Schon länger fordere die Unia für Angestellte auf dem Bau im Gesamtarbeitsvertrag (GAV) mehr Hitzepausen. Harte körperliche Arbeit bei grosser Hitze schade der Gesundheit. «Trotzdem wird im Sommer auf dem Bau oft zehn Stunden pro Tag oder mehr gearbeitet.»

Millionenverluste wegen Hitze

Für Büroarbeit sind 22 Grad laut einer Publikation der Columbia University zum Thema Hitzewellen optimal. Ab über 25 Grad sinkt die Produktivität mit jedem zusätzlichen Grad um zwei Prozent. Beschäftigte im Freien wie in der Landwirtschaft, auf dem Bau, in öffentlichen Versorgungsbetrieben und in der Industrie arbeiten ab über 29 Grad täglich eine Stunde weniger als bei Temperaturen um die 25 Grad.

Wegen Hitzetagen geht in der Schweiz jährlich Arbeit im Wert von rund 413 Millionen Franken verloren. Dies zeigt laut der «SonntagsZeitung» eine noch unveröffentlichte Arbeit eines Teams um Forschende der ETH Zürich. Die saisonale Grippe dagegen hat lediglich 200 Millionen Franken Verluste zur Folge. Im Best-Case-Klimaszenario drohen bis zum Jahr 2050 Produktivitätsverluste um 17 Prozent, im Worst-Case-Szenario um bis zu 58 Prozent.

Klimaanlagen bieten sich jedoch nicht als Wunderwaffe für schwitzende Angestellte an. Die «SonntagsZeitung» bezieht sich auf einen Vergleich indischer Fabriken. Absenzen nehmen bei grosser Hitze trotz Klimaanlagen zu, da die Angestellten daheim und auf dem Arbeitsweg weiterhin hohen Temperaturen ausgesetzt sind.

Baubetriebe täten genügend

Von bürgerlicher Seite treffen der Hitze angepasste Arbeitszeiten auf Interesse. FDP-Nationalrat Beat Walti sieht darin eine Chance für die Einführung einer Teilflexibilisierung des Arbeitsgesetzes. «Diese würde es den Arbeitnehmenden ermöglichen, bei grosser Hitze eine Siesta zu machen und zum Beispiel erst abends, wenn es kühler ist, weiterzuarbeiten.» Für Bürojobs hält er ein solches Vorgehen für absolut problemlos. «Jetzt müssen nur noch die Gewerkschaften von ihrer dogmatischen Haltung bezüglich Arbeitszeiterfassung abkommen.»

Vertretende des Gewerbes sehen hingegen keinen Handlungsbedarf. Die Baubetriebe unternähmen bereits individuell genügend, um die Angestellten vor grosser Hitze zu schützen, sagt Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbands. Die klimatische Situation sei nicht anders als in anderen Hitzesommern. «Musste bei grosser Hitze eine Strasse geteert werden, führte der Arbeitgeber spezielle Pausenregelungen ein und sorgte dafür, dass genügend Getränke und Sonnenschutz vorhanden sind.»

Wegen der Hitze die Arbeitszeiten etwa in der Gastronomie anzupassen, bezeichnet Bigler als realitätsfremd. «Ich sehe nicht ein, warum jemand in einem klimatisierten Raum wegen der Hitze draussen schlapp sein sollte. Das geht höchstens, wenn man zu lange im Ausgang war.» 

Quelle: 20min.ch