«Händler sollen Hersteller dazu animieren, nachhaltigere Produkte zu entwickeln»

Hersteller, Lieferanten, Detailhändler sowie Konsumentinnen und Konsumenten: Der Bergsport ist nicht nur durch schöne Gipfelerlebnisse, sondern auch durch eine Fülle an Ausrüstung geprägt. Und gerade bei diesen wird der Ruf nach verantwortungsvoller Herstellung und Nutzung immer lauter. öbu-Mitglied Bächli Bergsport führte zu diesem Thema ein Interview mit Prof. Dr. Claus-Heinrich Daub.

Der Weltklimarat IPCC hat unlängst einen aktuellen, umfassenden Klimareport publiziert. Die Aussichten sind düster. Verantwortlich dafür sind unter anderem wirtschaftliche Faktoren und der Konsum. Worin siehst du praktische Hebel, die einen positiven Einfluss auf die nachhaltige Entwicklung hätten und mit geringem Aufwand betrieben werden könnten?  
Es gibt zwei grosse Bereiche, die unterschieden werden müssen: einerseits geht es um systemische Veränderungen und andererseits um Änderungen des individuellen Konsumverhaltens.

Was verstehst du unter systemischen Veränderungen?
System im Sinne eines grösseren Ganzen. Das können z.B. nachhaltigere Städte oder nachhaltige Energiesysteme sein, d.h. unter anderem die verstärkte Nutzung regenerativer Energiequellen, innovative Technologien der Energieerzeugung und -speicherung oder intelligentes Netzmanagement.

Was können sich die von dir beschriebenen Konsumenten ändern?
Potenzial dazu gibt es vor allem in drei Bereichen. Der erste ist die Ernährung, die im direkten Zusammenhang mit der Landwirtschaft steht. Der zweite ist das Wohnen – Heizen, Stromverbrauch und so weiter. Der dritte Bereich ist die individuelle Mobilität.

Bächli Bergsport ist ein Detailhändler. Wir verkaufen Ausrüstung für den Bergsport, andere bieten Mode an – auch das ist Teil des Konsumverhaltens. Wie beurteilst du diesen Bereich?
Interessanterweise erscheint der Verbrauch von Textilien auf den ersten Blick wenig relevant. Er macht nur ein paar wenige Prozent des gesamten individuellen Fussabdrucks aus. Und das trotz der Berge an Fast-Fashion-Klamotten, die schlussendlich häufig irgendwo in Entwicklungsländern landen.

Und auf den zweiten Blick?
Da sind die Auswirkungen von Bekleidung enorm. Das hängt vor allem damit zusammen, dass man mit dem Thema Menschen wesentlich leichter erreicht als mit Abstraktem wie dem Beheizen einer Wohnung, zumal man darauf als Mieterin oder Mieter ohnehin keinen Einfluss hat. Wo, welche und wieviel Kleidung gekauft wird, kann jede und jeder Einzelne von uns steuern.

Wir kaufen Ware von Lieferanten und Herstellern. Worin siehst du deren Aufgabe, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern?
Sie müssen sich vor allem mit dem Thema Kreislaufwirtschaft auseinandersetzen. «Reuse & Repair» sind hier zwei Stichworte. Produkte sollten so entwickelt werden, dass nicht allein auf Modeaspekte, sondern auch auf Langlebigkeit, Reparaturfähigkeit sowie Zweitverwendung fokussiert wird. Was Rohstoffe betrifft ist zudem eine Pflicht, das Thema der «Entgiftung» anzugehen.

Wo siehst du aus deiner Sicht einen grossen Ansatzpunkt bei Händlern, wie wir es beispielsweise sind?
Um das zu beantworten, lohnt sich ein Blick in die Geschichte des grössten Detailhändlers in der Schweiz. Als Coop 1993 die Marke Naturaplan einführte, hat das Unternehmen zweifellos eine Pionierleistung zur Förderung nachhaltiger Lebensmittel vollbracht. Es war aber von Anfang an klar, dass es nie ein «Bio-Laden» werden, sondern immer ein «klassischer» Detailhändler bleiben würde. Übertragen auf Bächli Bergsport heisst das: Selbst wenn man bei Euch künftig immer Equipment aus Bio-Baumwolle oder aus rezykliertem Kunststoff kaufen könnte – was durchaus erfreulich wäre, würdet ihr immer ein Bergsportladen bleiben, der selbstverständlich auch weiterhin konventionelle Produkte anbietet.

Wenn aber Euer Anspruch ist, das Optimum für jede einzelne Bergsport-Aktivität anzubieten und gleichzeitig nachhaltig zu wirtschaften, werdet ihr künftig bei der Auswahl Eurer Produzenten für euer Sortiment vermehrt diejenigen auswählen müssen, die einerseits Qualität liefern und andererseits eine umwelt- und sozialverträgliche Philosophie verfolgen. Ihr müsst eure Partner letztendlich nach klaren Kriterien auswählen, in denen Nachhaltigkeitsaspekte angemessen berücksichtigt sind. Als Händler seid ihr in einer Schlüsselposition zwischen den Produzierenden und den Kunden und aus ethischer Sicht seid Ihr angehalten, diese Position im Sinne der Nachhaltigkeit zu nutzen. Ihr könnt so Hersteller dazu animieren, nachhaltigere Produkte zu entwickeln, die Ihr dann euren Kundinnen und Kunden anbietet.

Quelle. oebu.ch