Kliniken überfüllt – es fehlen Plätze für extrem gewalttätige Jugendliche

Gewalttätige Jugendliche bringen das System an seine Grenzen. «Die Zahlen sind höchst alarmierend», sagt Psychiater Thomas Knecht. Jetzt sollen mehr Plätze geschaffen werden.

Darum gehts

  • 2020 musste die Kesb bei 4568 Kindern den Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht entziehen. Es ist die letzte Massnahme im Kindesschutz.  
  • Verschiedene Kantone berichten von Engpässen bei Betreuungsangeboten.
  • Laut dem forensischen Psychiater Thomas Knecht setzt dies das System unter Druck.
  • Es brauche mehr Angebote und Einrichtungsplätze.
  • In der Politik gehen aber die Meinungen auseinander – es laufen aber bereits diverse Vorstösse. 


Das 14-jährige Problemkind D.B.* überfordert die Behörden: Über 15 betreute Aufenthalte sind schon fehlgeschlagen. «Die Plätze in spezialisierten Einrichtungen für Jugendliche mit intensivem Betreuungsbedarf sind sehr knapp. Es gibt immer wieder lange Wartelisten, was sehr unbefriedigend ist», sagt Michael Allgäuer, Präsident der für den Fall zuständigen Kesb Stadt Zürich.

B.* ist längst kein Einzelfall: Bei 4568 Kindern musste die Kesb 2020 den Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht entziehen. Das ist laut Allgäuer der stärkste Eingriff im Kindesschutz.

Mehrere Kantone kämpfen mit Wartezeiten

Verschiedene Kantone berichten von Engpässen beim Betreuungangebot: «Für hochproblematische und gewaltbereite Jugendliche gibt es zu wenige Plätze», heisst es in Bern. Auch die Luzerner Einrichtungen seien «in der Regel gut ausgelastet, es kann kurzfristig zu Engpässen kommen». In Zürich klingt es so: «Es besteht generell eine hohe Auslastung der sozialpädagogischen Angebote, da eine Verpflichtung zur Wirtschaftlichkeit besteht.» Auch von der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz ist zu hören, die Plätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie seien zu knapp.

Thomas Knecht ist forensischer Psychiater beim Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden. Er begutachtet auch hoch problematische und gewaltbereite Jugendliche. «Solche Fälle haben stark zugenommen.» Vor dem Jahr 2000 habe es in der Ostschweiz noch kaum Jugendliche gegeben, die «in diesem Ausmass ihr Recht mit den Fäusten durchsetzen» wollten. Mittlerweile seien es zwischen fünf und zehn pro Jahr.

«Jeder Tag kostet bis zu 1800 Franken»

Das setzt laut Knecht das System stark unter Druck: «Die Kesb, die Jugendstaatsanwaltschaften und die Betreuungseinrichtungen spüren eine gewisse Ohnmacht. Mehr als 4500 Fälle, in denen das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen werden musste, sind eine höchst alarmierende Zahl. Wir haben schweizweit in Gefängnissen, Kliniken und weiteren Einrichtungen rund 7000 Plätze für Straftäter.»

Oft müssten Zwischenlösungen gesucht werden. «Wenn wir einen gewaltbereiten Jugendlichen platzieren wollen, müssen wir oft mehrere Einrichtungen anfragen. Diese sind oft dauerhaft ausgelastet.» Trotzdem könne nicht verhindert werden, dass problembehaftete Jugendliche auch einmal eine Zeitlang in ein Gefängnis oder auf einen Bauernhof geschickt werden müssten.

Knecht würde einen Ausbau der Plätze begrüssen. Er sagt aber auch: «Ein Tag Aufenthalt in einer hochspezialisierten Sicherheitseinrichtung kostet bis zu 1800 Franken pro Tag.» Die Einrichtungen müssten wirtschaftlich funktionieren. Letztlich sei es eine politische Frage, wie viel Geld in die Resozialisierung extrem gewaltbereiter Jugendlicher investiert werden solle. «Der Fall Brian hat damals gezeigt, dass die Meinungen da weit auseinandergehen.»

SP will ausbauen, SVP ist es zu teuer

«In der Schweiz herrscht ein klarer Mangel an Betreuungsplätzen. Es kommt teils zu abstrusen Wartezeiten», sagt SP-Nationalrätin Franziska Roth. «Die Kantone müssen dieses Problem zusammen mit dem Bund anpacken.» Derzeit würden im Parlament diverse überparteiliche Vorstösse diskutiert. «In den letzten Jahren wurde die medizinische Versorgung von Jugendlichen und Kindern mit psychischen Problemen vernachlässigt», sagt die Nationalrätin. Was es brauche, sei ein massiver Ausbau bei den Tages- und Klinikplätzen.

Anders sieht es SVP-Nationalrat Mauro Tuena: «Wir haben ein engmaschiges Netz mit weitreichenden Hilfsangeboten». Die Schweiz gebe sehr viel Geld aus für ein System, welches eigentlich funktionieren sollte. «Klar gibt es extreme Einzelfälle, aber für diese haben wir genügend Betreuungsplätze und ausreichend Fachpersonen», so Tuena. Dort einfach mehr Gelder zu fordern, sei laut dem Nationalrat nicht der richtige Weg und zu einfach: «Grundsätzlich sind hier auch die Eltern gefordert.»

Bereits gehandelt hat der Kanton Zürich: Seit dem 1. Januar 2022 ist dort das neue Kinder- und Jugendheimgesetz in Kraft. Ausserdem plant der Kanton, in den nächsten Jahren die Bettenzahl in psychiatrischen Einrichtungen auf bis zu 200 Betten auszubauen.

Quelle. 20min.ch