Neulenker-Boom
führt zu mehr Unfällen

2021 wurden deutlich mehr Führerausweise ausgestellt als in anderen Jahren. Auch die Unfälle bei jungen Neulenkern haben stark zugenommen. Gerade für schwere und tödliche Unfälle sind häufig Neulenker verantwortlich.

In Niederuzwil ereignete sich am Karfreitagabend ein Horrorunfall. 

Darum gehts

  • 2021 wurden ein Viertel mehr Fahrausweise ausgestellt als im Vorjahr. 
  • Das schlägt sich in der Unfallstatistik nieder: Neulenker haben 18,5 Prozent mehr Unfälle verursacht. 
  • Bei den geübteren Fahrerinnen und Fahrern betrug die Zunahme lediglich 7,3 Prozent. 
  • Laut der Organisation Roadcross ist häufig das Ego schuld für Unfälle, bei denen Neulenker die Hauptverantwortlichen sind. 

Am Karfreitagabend ereignete sich jener tragische Verkehrsunfall im sanktgallischen Niederuzwil, bei dem drei junge Männer ums Leben kamen und zwei Frauen verletzt wurden. Das Unfallauto steuerte eine 20-Jährige. Gerade bei schweren Unfällen mit tödlichem Ausgang sitzen häufig junge Neulenker am Steuer: Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung liegt die Gefahr für Neulenkende zwischen 18 und 24 Jahren 2,5 mal so hoch wie in der Altersgruppe der 25- bis 64-Jährigen.

Laut der aktuellen Statistik des Bundesamts für Strassen (Astra) haben im letzten Jahr 24 Prozent mehr 18- bis 24-Jährige den Führerausweis erworben. Insgesamt kamen 2021 86’436 junge Neulenker zusätzlich auf die Strassen. In den Jahren zuvor waren es jeweils lediglich um die 70’000 gewesen.

Ein Jahr früher zugelassen

Dieser Anstieg, so das Astra, hängt damit zusammen, dass es seit letztem Jahr möglich ist, sich bereits mit 17 hinters Steuer zu setzen, wenn eine Begleitperson mit Führerausweis daneben sitzt. Nach einem Jahr kann man sich dann für die Fahrprüfung anmelden.

Dass mehr Neulenker auch zu mehr Unfällen führen, zeigen auch die Zahlen: Von 2020 bis 2021 sind die Unfälle von Autofahrern mit einem Führerschein auf Probe in allen Alterskategorien um 18,5 Prozent gestiegen. Bei Unfällen, bei denen Autofahrer, die noch in der Probezeit waren, die Hauptverursacher waren, erhöhte sich die Zahl um 20,3 Prozent. Die Gesamtzahl der Unfälle stieg hingegen nur um 7,3 Prozent an.

Wiederholungskurse

Nicht alle Neulenker stellen aber eine Gefahr dar. «90 Prozent fahren total vernünftig», sagt Willi Wismer, Präsident des Zürcher Fahrlehrerverbands. Die restlichen zehn Prozent gingen aber teilweise bewusst Risiken ein, wenn sie sich ans Steuer setzten. «Da sind zum Beispiel solche, die bewusst Sicherheitsassistenzsysteme ausschalten – damit die Räder beim Anfahren durchdrehen können.»

Gleichzeitig kritisiert Wismer den Schritt der Politik, die Weiterausbildungskurse von zwei Kursen auf einen Kurs reduziert zu haben. «Dadurch können Neulenkende wichtige Übungen nicht erleben, wie etwa zu spüren, was es ausmacht, wenn man mit erhöhter Geschwindigkeit durch eine Kurve fährt. Oder zu erleben, was es konkret heisst, einen Bremsweg von 100 Metern zu haben.»

Immer beliebter ist der Führerausweis auch, weil man seit 2019 nur noch auf dem Automat die Prüfung absolvieren kann. Wobei dies auch zu Problemen führen kann: «Viele Neulenkende kaufen sich meist erstmal günstige Occasion-Wagen mit Gangschaltung», sagt Michael Gehrken, Präsident des Schweizerischen Fahrlehrerverbands. Problematisch kann laut Gehrken auch der Umgang von Neulenkenden mit stärker motorisierten Wagen werden. Es fehle auch hier die Erfahrung.

«Oft ist das Ego schuld»

Jeder fünfte Schwerverletzte im Strassenverkehr ist laut Roadcross zwischen 18 und 24 Jahre alt. Besonders häufig verunfallen junge Erwachsene in Wochenendnächten, vorwiegend in Schleuder- oder Selbstunfällen. «Oft ist das Ego schuld», schreibt Roadcross: Viele Jugendliche überschätzen sich und ihre Fähigkeiten.» Auch Ablenkung spielt eine wichtige Rolle: Ein Viertel der Unfälle von 18- bis 24-Jährigen passieren aus diesem Grund. Über alle Altersklassen sind es nur 17 Prozent.  SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher sagt deshalb: «Wenn so viele Neulenker auf die Strasse kommen, ist es zentral, dass wir verstärkt in Prävention und Sensibilisierung investieren.» Konkret könnte Graf-Lischer sich einen zusätzlichen obligatorischen Kurs vorstellen. «Er müsste so gestaltet sein, dass den Jugendlichen während der Ausbildung die Verantwortung bewusst gemacht wird, welche sie im Verkehr auch für die anderen Teilnehmer tragen.» Die Jugendlichen müssten etwa für die Gefahren von Ablenkung, Alkohol und Drogen am Steuer sensibilisiert werden.


Quelle. 20min.ch